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Alt 12-02-2012, 18:15   #1 (permalink)
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Standard Den Strassenstrich in geordnete Bahnen lenken

Der Zürcher Stadtrat will den Strassenstrich am Sihlquai aufheben und als Ersatz unter anderem einen betreuten Strichplatz zur Verfügung stellen. Am 11. März befindet das Stimmvolk über einen Kredit in der Höhe von rund 2,4 Millionen Franken.

Die Boxen sind in aller Munde, kaum einer, dem nicht eine Wortkombination von eher geringschätzigem Gehalt oder ein lustiges Sprüchlein dazu einfällt. Über Prostitution rein sachlich und nüchtern zu debattieren, das fällt schwer – zu viele Emotionen, zu viel Körperlichkeit sind mit im Spiel. Und nun also stimmt der Stadtzürcher Souverän darüber ab: über die Errichtung eines betreuten und bewachten Strichplatzes mit ebendiesen Boxen auf einer zwischen Strassen und Gleisen eingeklemmten Brache in Altstetten. Im städtischen Parlament ist die Zustimmung zu diesem schweizweit erstmaligen Versuch deutlich ausgefallen, mit 74 Ja- zu 30 Nein-Stimmen. Weil nun aber die SVP das Referendum gegen das Vorhaben ergriffen hat, kommt es am 11. März zum Urnengang. Konkret befinden die Stadtzürcher Stimmbürgerinnen und Stimmbürger über einen Kredit in der Höhe von rund 2,4 Millionen Franken und über jährliche Mietkosten von rund 92 000 Franken, die allerdings rein verwaltungsintern erhoben werden.
Längerfristig ein Tramdepot

Da es bei der Abstimmungsvorlage vordergründig um die Kosten geht, sind diese genauer zu analysieren. Dabei fällt auf, dass fast eine halbe Million Franken des Kredits für die Altlastensanierung des Geländes verwendet werden sollen, und diese Kosten würden auch dann anfallen, wenn es dort nie einen Strichplatz gäbe: weil die Stadt auf der Brache am Depotweg langfristig die Erstellung eines Tramdepots plant. Für die Infrastrukturkosten des Strichplatzes bleiben noch 1,9 Millionen Franken. Mit diesem Geld werden unter anderem jene Boxen errichtet, in die der Freier mit seinem Auto hineinfährt, um dort, eben im Auto, die entgeltliche sexuelle Dienstleistung einer Frau entgegenzunehmen. Das Auto wird so parkiert, dass nur die Beifahrertüre geöffnet werden kann, und in jeder Box steht der Prostituierten ein Alarmknopf zur Verfügung. Die Sicherheit der Frauen, die sich auf der Strasse prostituieren, ist dem Stadtrat ein wichtiges Anliegen; ebenso wichtig ist ihm aber auch, die Strassenprostitution so zu organisieren, dass sie die Stadtbewohner und die Gewerbetreibenden möglichst nicht stört – ein ambitioniertes Ziel.

Mit den heutigen Zuständen am berühmt-berüchtigten Strassenstrich am Sihlquai – der im Übrigen einiges an Sicherheits- und Reinigungskosten verursacht – ist niemand zufrieden, deshalb soll er geschlossen und durch drei neue Strichzonen ersetzt werden. Eine davon ist der geplante Strichplatz in Altstetten, und nur hier, in dieser abgeschirmten Zone, soll es nach dem Willen des Stadtrats und des Parlaments eine feste Infrastruktur geben: neben den Boxen Platz für Wohnwagen, in die sich Frauen mit ihren Freiern (die vor dem Wohnwagen parkieren) zurückziehen können, WC-Anlagen oder ein Occasions-Container für die Sozialarbeiterinnen. Auf dem Platz gilt eine Platzordnung. Wer sich nicht daran hält, wird weggewiesen – ein weiterer Unterschied zur Situation am Sihlquai. Auf dem Strichplatz haben Zuhälter und Gaffer nichts zu suchen, und die Freier werden nur in Autos zugelassen. Sie kurven auf vorgegebenen Bahnen innerhalb des eingezäunten, sichtgeschützten Areals und nicht in angrenzenden Quartieren. Mit der Infrastruktur soll verhindert werden, dass die Ausübung des Gewerbes auf Parkplätzen, unter Brücken, in Büschen oder Hauseingängen stattfindet.
Erfahrungen im Ausland

Offen bleibt, ob das Konzept funktioniert, das heisst, ob sich die Prostituierten und deren Freier tatsächlich nach Altstetten in die Brache verschieben werden. Die Gegner des Projekts gehen von einem Scheitern aus und kritisieren die ihrer Ansicht nach zu hohen Kosten für die Erstellung der Infrastruktur. Sie nennen als Beispiel die Erfahrungen von Dortmund, wo der Strichplatz letztes Jahr geschlossen werden musste, weil dort zunehmend kriminelle Banden ihr Unwesen getrieben hatten. Der Stadtrat seinerseits weist auf jene Städte in Deutschland und den Niederlanden hin, die gute Erfahrungen mit Strichplätzen gemacht haben. Im Gegensatz zum Dortmunder Modell werde der Strichplatz in Altstetten von Anfang an betreut und bewacht.
Neue Bewilligungspflicht

Dass mit der Personenfreizügigkeit vermehrt Prostituierte aus EU-Ländern nach Zürich reisen, um hier einem legalen Gewerbe nachzugehen, kann der Zürcher Stadtrat nicht unterbinden. Er hat insofern reagiert, als er in der neuen, noch nicht in Kraft gesetzten Prostitutionsgewerbeverordnung den Strassenstrich einer Bewilligungspflicht unterwirft – und sich die Möglichkeit offenhält, die Anzahl der Bewilligungen notfalls einzuschränken. Die Verordnung wurde vom Stadtparlament Ende Januar grossmehrheitlich gutgeheissen.

Den Strassenstrich in geordnete Bahnen lenken (Zürich, Stadt und Region, NZZ Online)
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Alt 12-02-2012, 18:17   #2 (permalink)
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Der Strichplatz ist einen Versuch wert

Die Strassenprostitution ist pragmatisch zu regeln. Verbote bringen nichts –

Wie man mit dem Strassenstrich künftig umgehen soll – darüber stimmen die Stadtzürcher in einem Monat ab. Die vorgeschlagenen Strichplätze mit Boxen bieten einigermassen anständige Rahmenbedingungen für das Geschäft.

Sie flammt alle paar Jahrzehnte wieder auf, die Diskussion um den richtigen Umgang mit Prostitution, einer zwar ungeliebten, aber uralten gesellschaftlichen Realität. Jüngster Grund für viel Kopfzerbrechen sind die neuen gesetzlichen Regelungen, die landauf, landab auf kantonaler und kommunaler Ebene entstehen, nach dem Vorbild der lateinischen Schweiz. In der Stadt Zürich hat das Parlament unlängst eine Prostitutionsgewerbeverordnung verabschiedet, die kaum für Aufregung sorgte.

Wenn man in Zürich über Prostitution spricht, dann geht es vor allem um den Strassenstrich, obwohl in der Limmatstadt (wie überall in der Schweiz) der grösste Teil des Gewerbes innen stattfindet: meist diskret und ohne Unbeteiligte zu behelligen. Doch die Frauen, die sich auf der Strasse anbieten, oder die viel zahlreicheren Männer, die auf der Suche nach entgeltlichem Sex sind oder einfach nur gaffen wollen, stören weite Teile der Stadtbevölkerung. Zugespitzt hat sich die Lage, seit mit der Personenfreizügigkeit zahlreiche, in manchen Nächten gar Dutzende von Frauen aus EU-Ländern am Sihlquai stehen und seit ruchbar wurde, dass einige von ihnen unter der Fuchtel von Zuhältern und Menschenhändlern stehen. Wie man mit dem Strassenstrich künftig umgehen soll, darüber stimmt der Stadtzürcher Souverän am 11. März ab.
Sichtschutz und Boxen

Der kommunale Urnengang findet über die Stadt- und Kantonsgrenzen hinaus grosse Beachtung. Das liegt einerseits am Bekanntheitsgrad des berüchtigten Sihlquais und andererseits daran, dass sich Zürich an ein in der Schweiz erstmaliges Experiment wagt: Es soll, im Aussenquartier Altstetten, ein betreuter, bewachter, eingezäunter und mit Sichtschutz versehener Strichplatz mit Infrastruktur entstehen; auf einer Brache zwischen Strassen und Gleisen, auf der die Stadt in zirka fünfzehn Jahren ein Tramdepot eröffnen will. Zur geplanten Strichplatz-Infrastruktur gehören Boxen für die Freierautos, und die Idee ist, dass hier und nicht irgendwo sonst im öffentlichen Raum das Geschäft vollzogen wird.

Solche Strichplätze mit Boxen hat nicht etwa Zürich erfunden. Die Stadt orientiert sich an Modellen in Deutschland und in den Niederlanden, und zwar an jenen, wo die Sache funktioniert. Die Stadtzürcher SVP hingegen, die durch ihr Referendum den Urnengang erzwungen hat, weist auf Dortmund hin, wo der Strichplatz zum Tummelplatz krimineller Banden wurde und geschlossen werden musste; die Volkspartei räumt dem Zürcher Versuch keine Chancen ein und will dafür kein Geld ausgeben müssen.
Liberaler, fairer Umgang mit Prostitution

Leider aber hat die SVP keine andere Idee parat, wie Zürich den Strassenstrich neu regeln sollte. Ein Verbot dieser Art der Berufsausübung, wie es religiös geprägte Parteien verlangen, bringt erwiesenermassen nichts: Das zeigt sich in jenen Ländern und Städten, in denen Prostitution eigentlich strikte verboten ist – in der Illegalität aber stattfindet, auch auf öffentlichen Plätzen und Strassen. Von solchen Bedingungen profitieren in erster Linie kriminelle Elemente, und der Gesundheitsschutz oder die Anforderungen an die Hygiene gehen kläglich unter. Das alles führt zu wesentlich schlimmeren Zuständen, als sie heute am Sihlquai herrschen.

Es liegt deshalb durchaus im öffentlichen Interesse, wenn ein Gemeinwesen für anständige Rahmenbedingungen sorgt, und zwar gerade für die Berufsausübung auf der Strasse. Deshalb und mangels kurzfristig realisierbarer Alternativen ist dem Versuch Strichplatz mit Infrastruktur zuzustimmen; im Wissen darum, dass es sich um ein Experiment mit unsicherem Ausgang handelt – und ohne von der Verpflichtung entbunden zu sein, sich über andere Modelle für einen liberalen, fairen Umgang mit Prostitution Gedanken zu machen. Das Ei des Kolumbus ist der Strichplatz auf der Brache am Stadtrand bestimmt nicht.

Der Strichplatz ist einen Versuch wert (Startseite, NZZ Online)
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Alt 12-02-2012, 18:18   #3 (permalink)
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Sexboxen: «Bestmöglicher Schutz für alle»

Die Strassenprostitution in Zürich wird durch die geplanten Sexboxen in Altstetten geordneter und sicherer, ist das Komitee «Ja zum Strichplatz» überzeugt. Am 11. März entscheiden die Stimmberechtigten.

Dem Pro-Komitee, das gemäss Kampagne «klare Verhältnisse für ein uraltes Gewerbe» erwartet, gehören SP, FDP, Grüne, Grünliberale und CVP an. Gegen den vom Gemeindeparlament im letzten September bewilligten Baukredit hatte die SVP das Referendum ergriffen.

Der Strichplatz am Depotweg, der den Strassenstrich am Sihlquai ersetzen soll, biete allen Beteiligten den bestmöglichen Schutz, sagte Gemeinderat Andreas Hauri (GLP). Anwohner gebe es dort kaum und die «Geschäfte» würden in sogenannten Boxen auf dem eingezäunten Areal und nicht wie heute in irgend einem Hinterhof oder unter einer Brücke erledigt.

Alarmknopf für Dirnen

Auf dem Strichplatz seien die Prostituierten besser vor Ausbeutung und Gewalt durch Zuhälter, Freier und andere Prostituierte geschützt, sagte CVP-Gemeinderat Christian Traber. Aber auch für die Freier werde die Gefahr, betrogen zu werden, vermindert.

Ein Freier fährt auf dem Strichplatz mit einer Prostituierten in eine Sexbox und kann dort das Auto nicht verlassen. Auf der Beifahrerseite ist dagegen ein Fluchtweg vorhanden. Die Prostituierte kann auch einen Alarmknopf betätigen.

Von Erfahrungen in Deutschland profitieren

Zürich hat gemäss Gemeinderätin Fabienne Vocat (Grüne) aus den positiven und negativen Erfahrungen in Deutschland mit Strichplätzen gelernt. In Köln und Essen funktioniere das Modell gut. In Dortmund, wo ein «unkontrollierbares, wucherndes Gelände» zur Verfügung gestellt worden war, sei die Situation dagegen eskaliert.

Die Kosten für das Strichplatz-Projekt sind nach Ansicht des Komitees vertretbar. Von den 2,4 Millionen Franken Investitionskosten entfalle eine halbe Million auf die Altlastensanierung, die ohnehin früher oder später erfolgen müsse, sagte Vocat.

Die eigentlichen Betriebskosten lägen bei 270'000 Franken pro Jahr. Sie seien erstaunlicherweise im Vergleich zu Projekten im Ausland geringer. Bau und Betrieb des Strichplatzes koste die Stadt zwar viel Geld, sagte FDP-Gemeinderat Roger Tognella. Es fielen aber auch Kosten für Sicherheit und Sauberkeit am Sihlquai weg, die bisher von Stadt und Privaten getragen würden.

«Städtische Aufgabe»

Der Strichplatz dient nach den Worten von Vocat der Erfüllung einer städtischen Aufgabe, nämlich dem Schutz der Bevölkerung. Von einer Subventionierung des Strassenstrichs oder gar der Zuhälterei könne nicht gesprochen werden.

Als Gegenwert für das investierte Geld erhalten laut Tognella die Stadt, die Bevölkerung, das lokale Gewerbe und die Prostituierten selber «klare, geordnete und sichere Verhältnisse». Aufgrund der Erfahrungen im Ausland könne davon ausgegangen werden, dass die Zahl der Prostituierten eher zurückgehe, sagte Vocat.

Sexboxen: «Bestmöglicher Schutz für alle» - News Zürich: Stadt Zürich - tagesanzeiger.ch
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